Klaus Walters Homepage

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Das Nichts „Der Präsident kommt zu uns.“ Die Schlagzeile in der Lokalzeitung war nicht zu übersehen. Und die Aufregung in der Bevölkerung war groß, denn das war für den kleinen Ort eine große Sensation. Reporter hatten Jekaterinville wie Heuschrecken überfallen und wollten die unsinnigsten Dinge von den Bewohnern wissen. „Mit welcher Farbe würden Sie ihren Ort charakterisieren?“, wurde ein junger Mann von einem aufstrebenden Volontär gefragt. Der hatte daraufhin zynisch lächelnd gesagt: „Rosarot, wie ein Bonbon.“ Ein eindrucksvoller Duft von blühenden Magnolien hängt in der Luft und macht die Menschen in der kleinen Stadt beinahe betrunken. Der leichte Hauch vom warmen Wind hat ihn vom nahen Park hierher geweht. Heute ist der bisher schönste Frühlingstag im Mai dieses Jahres und die Sonne scheint verschwenderisch in Jekaterinville . Es ist ein urbanes Örtchen, mit gepflegten Häusern und regem Leben in den Straßen und auf den Plätzen, gelegen an einem großen, fischreichen See, auf dem an Tagen wie heute Segelboote ihre Bahnen ziehen und an dessen Strand die Kinder ausgelassen toben. Idyllisch ist es anzusehen, wie die kleine Stadt, malerisch eingerahmt, zwischen Bergen und gesunden Wäldern liegt. Wer seine Augen öffnet, der erkennt: Dies hier ist eine Welt, in der man gerne leben möchte, wenn man den Lärm der Großstadt meiden will und die Ruhe liebt. Doch der Autokrat in seiner ach so begrenzten Wirklichkeit hat dafür keinen Blick und riecht auch nicht die Blüten. Wichtig ist für ihn nur sein Auftritt, der eben erst beginnt. Auf diesem großen Platz in diesem Jekaterinville steht er auf einer weiten Bühne, hinter ihm aufgereiht viele Fahnen der Nation und vor ihm sehr viele Menschen, die sich versammelt haben, um ihn zu sehen und zu hören. Wieder einmal streut er seine aufpeitschenden Worte unter die Anwesenden und merkt, wie die Masse mitgeht, hört ihren Jubel an den kalkulierten Stellen. Alles scheint also wie immer für ihn und die Zeit vergeht. Doch ganz plötzlich ist dann alles anders. Inmitten eines rhetorischen Höhepunktes zerreißt ein lauter Knall das Gewohnte. Er spürt einen heftigen Schlag gegen seine Brust, und unmittelbar darauf folgt ein zweiter, jetzt gegen seinen Kopf, und reißt den Autokraten um. Den Aufschrei der Menge und den zweiten Schuss, das alles hört er schon gar nicht mehr. Es trifft zu spät auf seine Ohren, denn vorher wird es dunkel in seiner Wirklichkeit und das Nichts beginnt. > Sprung zu einem späteren Kapitel < Teuflische Begegnungen Ein leiser Gong ertönt, das Licht geht an, wir sind zurück in jenem tristen Raum und finden hier den ehemaligen Präsidenten Robert Dullman, wie er am Boden liegt und sich nicht rührt. Er hatte sich im letzten Akt bis zur Erschöpfung in den Schlaf gewütet. Der Stuhl wurde von ihm bis ganz zum Schluss noch malträtiert. Jetzt steht er dort, wo er schon anfangs stand, ganz unschuldig und ohne jeden Schaden, und neben ihm ein kleines Tischchen, nett eingedeckt mit allem, was es zu einem guten Frühstück braucht. Porzellan mit Blümchenmuster steht bereit und sogar ein kleines Häkelmützchen krönt das gekochte Ei, auf das es warm bleibt. So friedlich wirkt der Schlaf von Robert Dullman, doch über viele Stunden hatten böse Träume ihn gequält, bis er zuletzt auch innerlich zur Ruhe kam. Doch horch, ein leises Ticken ist jetzt zu vernehmen, von einer Uhr, die mit ihrem gleichmäßigen Gang scheinbar verkündet: „Habt nur Geduld, er wird gleich aufgeweckt!“ Ein verborgenes Uhrenradio springt plötzlich an und darin singt ein Paar von Liebe und dergleichen. Der Refrain geht ins Ohr. „I got you Babe“ wird von den beiden Mann und Frau endlos wiederholt, was so viel heißt wie: „Ich habe dich, mein Baby.“ Aber schon nach der vierten Wiederholung erscheint er redundant. Man meint, dass es doch nun endlich alle wissen müssten. Und mittendrin in der verbalen Stagnation ertönt mit einem Mal ein überdrehter Sprecher, der verkündet: „Raus aus den Federn, heute ist Murmeltiertag!“ Kaum hat er das ausgerufen, endet abrupt die Übertragung und man atmet auf. Robert ist unterdessen durch diese Kakofonie aufgeschreckt und jetzt wach. Er kämpft sich hoch und streckt sich, richtet sich vollends auf. Die sonst kunstvoll gekämmte Tolle ist wild zerzaust. Er blickt sich um und merkt, die Sicht ist ihm noch immer eingeschränkt auf seinem linken Auge. Nun zaudert er einen Moment, lässt einen Seufzer hören, und man weiß, er hat verstanden: Er ist noch dort, wo er die letzten Stunden war. Doch wenn man ihn so sieht, ist eines erstaunlich: Er ist entspannt. Es scheint gerade so, als habe er sich abgefunden. Der Tisch samt Frühstück fällt in seinen Blick und Robert verspürt großen Hunger. „Was soll’s, eine Verweigerung hilft mir nicht und macht mich nur schwächer“, ist sein Gedanke, und er beschließt, zu nehmen, was sich bietet. Darum setzt er sich vorsichtig auf den vormals zerstörten Stuhl. Und weil die Prüfung zeigt, dass der ihn offensichtlich trägt, isst er gleich darauf mit gutem Appetit. Er lässt sich Zeit, nutzt sie zum Denken, und bei seinem letzten Bissen, im Kauen noch den Kopf gebeugt, stellt er mit lauter Stimme fest: „Es ist also bis jetzt nicht zu Ende.“ Dann richtet er sich auf, tupft mit der Serviette einen verirrten kleinen Rest Eigelb vom Kinn. Er gibt sich kühl und sicher, als er fragt: „Also, was willst du von mir?“, und schiebt dann ungeduldiger nach: „Kann ich jetzt endlich wissen, was hier eigentlich passiert? Was ist das für ein dummes Spiel?“ Die Antwort lässt nicht auf sich warten, aber die Stimme aus dem Off klingt sarkastisch und überlegen: „Ich dachte schon, du würdest niemals fragen.“ Draußen hört man gleich darauf seltsame Schritte nahen und Robert ist alarmiert. Es klingt für ihn nach lahmem Pferd mit einem Huf und nacktem Menschenfuß: „klack, platsch, klack, platsch“. Robert ist sich sicher, auch wenn das Geräusch seltsam anzuhören ist: Sein Gegner kommt gleich durch die Tür. Er ist sich ebenso gewiss, dass er durch jene Tür hinter der Barriere kommen müsse. Der Eingang ist doch für den Richter. Und eine Respektsperson mit dieser Funktion entspricht seinen Erwartungen in diesem Raum. Dann steht er auf und stellt sich an die Theke, die Hände demonstrativ vor seiner Brust gekreuzt. Und während er gespannt dort wartet, öffnet sich ganz ohne Laut das Tor in seinem Rücken. Eine feuerrote, hünenhafte Kreatur tritt ein, eine athletische Gestalt von fast drei Metern Größe. Was dort erscheint, ist ein fast nackter Mann, bekleidet nur mit einem Lendenschurz aus Leder. Ein schwarz gehörnter Ziegenkopf krönt seine Schultern, rechts steht er auf einem Ziegenfuß und links auf einem Menschenbein. In der rechten Hand hält er einen dreigezackten Speer. Rauch steigt von dem Ungeheuer auf und immer wieder, züngelt eine kleine Flamme auf seiner Haut. Gewaltig steht es da und betrachtet mit seinen gelben Ziegenaugen erst einmal stumm den Menschen. „Du hältst das alles für ein Spiel?“, sagt es schließlich. „Nun gut, dann nehmen wir mal an, dass es so ist. Du magst wohl solche Spiele, oder sollte ich mich irren?“ > Sprung zu einem späteren Kapitel < Selbstüberschätzung Robert Dullman wacht auf, ganz ohne Wissen, wo er sich befindet. Er friert am ganzen Körper, spürt nasse Kleidung auf der Haut und Gewicht und Druck auf seinem Kopf, wie von einem schweren Helm, und unter sich fühlt er aufgeweichte Erde. Als er die Augen öffnet, stellt er fest, dass er in einem Graben liegt. Beim Blick nach oben, sieht er über sich nur einen grauen Himmel. Die Geräusche, die von draußen dringen, sind geradezu infernalisch. Es regnet leicht und andere Männer in verschmutzten Uniformen liegen im Schlamm und Wasser neben ihm. Er möchte aufstehen und heraus aus dieser Enge, doch er kommt mit dem Versuch nicht weit. Kräftige Hände reißen ihn gleich wieder hinunter und eine derb-männliche Stimme schreit schmerzhaft in sein Ohr: „Gefreiter Hitler, bist du völlig von Sinnen? Willst du dir eine Kugel fangen? Du musst schon noch warten, bis der Franzmann seine Munition zu sparen beginnt. Es dauert bestimmt nur noch kurz, dann kannst du zurück zum Stab und Meldung machen.“ Der Soldat hat die Worte kaum zu Ende gesprochen, da sackt er plötzlich und still über Robert zusammen. Der begreift noch immer nicht, wo er ist und was da gerade mit ihm geschieht. Aber er spürt das Gewicht des Fremden auf seinem Körper und etwas Warmes läuft jetzt über sein Gesicht. Das, was er hört und empfindet, macht ihm Angst, und er ruft: „Was ist hier los? Wo bin ich hier gelandet?“ Jemand zerrt an dem, was auf ihm lastet, und gleich darauf ist er wieder frei, wischt das Warme, Klebrige aus seinen Augen, und als er dann auf seine Hände blickt, da sieht er rotes Blut. „Kamerad, der Feldwebel ist mausetot, da kann man nichts mehr machen. Leiden musste er jedenfalls nicht“, sagt eine abgeklärte Stimme. „Die Kugel hat ihn perfekt getroffen. Reiß dich zusammen, Kamerad, du musst jetzt los. Es kann nicht länger warten. Wir brauchen dich sofort als Melder, sonst sind wir es alle hier in den nächsten Stunden auch. Sieh zu, dass du mit der Depesche so schnell, wie deine Beine dich noch tragen können, durch die Gräben zum Stab gelangst, um Munition und Verstärkung anzufordern.“ Und dann ergänzt er hässlich lachend: „Und eine hübsche Braut wäre mir auch willkommen.“ Robert Dullman begreift kaum diese Worte, reimt sich mit Not zusammen, dass er durch Urians Wirken in einem Krieg gestrandet ist. Offensichtlich nicht als Soldat Robert Dullman, sondern in einer anderen Person. „Wie hat ihn der Soldat gerade bezeichnet, sagte er nicht Hitler? Um Gottes willen, das kann doch gar nicht sein.“, denkt er. Doch um sich Klarheit zu verschaffen, fragt er jetzt nach. „Kamerad“, sagt er flehend, „ich stehe gerade unter Schock und mir fehlt jede Orientierung. Bitte sag mir, wo wir hier sind, wer ich bin und auch, was ich tun und lassen muss!“ Was er dann erfährt, besagt: Er ist im Krieg. Das, was um ihn herum geschieht, ist ein Teil einer weltweiten Schlacht, die später als Erster Weltkrieg bezeichnet wird. Man befindet sich an der Westfront im Feldzug gegen Frankreich in einem der vielen Gräben der deutschen Wehrmacht, einem unendlichen Labyrinth in der Nähe von Verdun. Der Soldat, den er um Hilfe gebeten hat, kennt das Phänomen des Schocks bei diesen Kämpfen und ist darum nur wenig überrascht. Ohne lange zu zaudern, erklärt er Robert darum auch, dass er Adolf Hitler heiße und Meldegänger sei im Stab des Regiments. Die Leitungen der Feldtelefone seien vom Trommelfeuer wieder einmal beschädigt und es sei dringend nötig, dass er Meldung nach hinten mache, man benötige Verstärkung und Munition an vorderster Front. Er gibt ihm eine Skizze für den Weg, den er als sichersten zum Bataillonsstab bezeichnet. Der Gefreite Hitler könne nicht länger auf einen sichereren Augenblick warten. Er müsse es sofort riskieren. Er solle bis zum Hauptgraben die nächsten hundert Meter robben. Wenn er den dann erreiche, könne er auch gebückt weitergehen. Und nach dieser Instruktion fragt er noch, ob Adolf das in seinem Zustand schaffe.
LESEPROBE: Roman von Klaus Walter

Autokraten sterben einsam

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