Das Nichts
„Der
Präsident
kommt
zu
uns.“
Die
Schlagzeile
in
der
Lokalzeitung
war
nicht
zu
übersehen.
Und
die
Aufregung
in
der
Bevölkerung
war
groß,
denn
das
war
für
den
kleinen
Ort
eine
große
Sensation.
Reporter
hatten
Jekaterinville
wie
Heuschrecken
überfallen
und
wollten
die
unsinnigsten
Dinge
von
den
Bewohnern
wissen.
„Mit
welcher
Farbe
würden
Sie
ihren
Ort
charakterisieren?“,
wurde
ein
junger
Mann
von
einem
aufstrebenden
Volontär
gefragt.
Der
hatte daraufhin zynisch lächelnd gesagt: „Rosarot, wie ein Bonbon.“
Ein
eindrucksvoller
Duft
von
blühenden
Magnolien
hängt
in
der
Luft
und
macht
die
Menschen
in
der
kleinen
Stadt
beinahe
betrunken.
Der
leichte
Hauch
vom
warmen
Wind
hat
ihn
vom
nahen
Park
hierher
geweht.
Heute
ist
der
bisher
schönste
Frühlingstag
im
Mai
dieses
Jahres
und
die
Sonne
scheint
verschwenderisch
in
Jekaterinville
.
Es
ist
ein
urbanes
Örtchen,
mit
gepflegten
Häusern
und
regem
Leben
in
den
Straßen
und
auf
den
Plätzen,
gelegen
an
einem
großen,
fischreichen
See,
auf
dem
an
Tagen
wie
heute
Segelboote
ihre
Bahnen
ziehen
und
an
dessen
Strand
die
Kinder
ausgelassen
toben.
Idyllisch
ist
es
anzusehen,
wie
die
kleine
Stadt,
malerisch
eingerahmt,
zwischen
Bergen
und
gesunden
Wäldern
liegt.
Wer
seine
Augen
öffnet,
der
erkennt:
Dies
hier
ist
eine
Welt,
in
der
man
gerne leben möchte, wenn man den Lärm der Großstadt meiden will und die Ruhe liebt.
Doch
der
Autokrat
in
seiner
ach
so
begrenzten
Wirklichkeit
hat
dafür
keinen
Blick
und
riecht
auch
nicht
die
Blüten.
Wichtig
ist
für
ihn
nur
sein
Auftritt,
der
eben
erst
beginnt.
Auf
diesem
großen
Platz
in
diesem
Jekaterinville
steht
er
auf
einer
weiten
Bühne,
hinter
ihm
aufgereiht viele Fahnen der Nation und vor ihm sehr viele Menschen, die sich versammelt haben, um ihn zu sehen und zu hören.
Wieder
einmal
streut
er
seine
aufpeitschenden
Worte
unter
die
Anwesenden
und
merkt,
wie
die
Masse
mitgeht,
hört
ihren
Jubel
an
den
kalkulierten
Stellen.
Alles
scheint
also
wie
immer
für
ihn
und
die
Zeit
vergeht.
Doch
ganz
plötzlich
ist
dann
alles
anders.
Inmitten
eines
rhetorischen
Höhepunktes
zerreißt
ein
lauter
Knall
das
Gewohnte.
Er
spürt
einen
heftigen
Schlag
gegen
seine
Brust,
und
unmittelbar
darauf
folgt
ein
zweiter,
jetzt
gegen
seinen
Kopf,
und
reißt
den
Autokraten
um.
Den
Aufschrei
der
Menge
und
den
zweiten
Schuss,
das
alles
hört
er
schon
gar
nicht
mehr.
Es
trifft
zu
spät
auf
seine
Ohren,
denn
vorher
wird
es
dunkel
in
seiner
Wirklichkeit und das Nichts beginnt.
> Sprung zu einem späteren Kapitel <
Teuflische Begegnungen
Ein
leiser
Gong
ertönt,
das
Licht
geht
an,
wir
sind
zurück
in
jenem
tristen
Raum
und
finden
hier
den
ehemaligen
Präsidenten
Robert
Dullman,
wie
er
am
Boden
liegt
und
sich
nicht
rührt.
Er
hatte
sich
im
letzten
Akt
bis
zur
Erschöpfung
in
den
Schlaf
gewütet.
Der
Stuhl
wurde
von
ihm
bis
ganz
zum
Schluss
noch
malträtiert.
Jetzt
steht
er
dort,
wo
er
schon
anfangs
stand,
ganz
unschuldig
und
ohne
jeden
Schaden,
und
neben
ihm
ein
kleines
Tischchen,
nett
eingedeckt
mit
allem,
was
es
zu
einem
guten
Frühstück
braucht.
Porzellan
mit
Blümchenmuster
steht
bereit
und
sogar
ein
kleines
Häkelmützchen
krönt
das
gekochte
Ei,
auf
das
es
warm
bleibt.
So
friedlich
wirkt
der
Schlaf
von
Robert
Dullman,
doch
über
viele
Stunden
hatten
böse
Träume
ihn
gequält,
bis
er
zuletzt
auch
innerlich
zur
Ruhe
kam.
Doch
horch,
ein
leises
Ticken
ist
jetzt
zu
vernehmen,
von
einer
Uhr,
die
mit
ihrem
gleichmäßigen
Gang
scheinbar
verkündet: „Habt nur Geduld, er wird gleich aufgeweckt!“
Ein
verborgenes
Uhrenradio
springt
plötzlich
an
und
darin
singt
ein
Paar
von
Liebe
und
dergleichen.
Der
Refrain
geht
ins
Ohr.
„I
got
you
Babe“
wird
von
den
beiden
–
Mann
und
Frau
–
endlos
wiederholt,
was
so
viel
heißt
wie:
„Ich
habe
dich,
mein
Baby.“
Aber
schon
nach
der
vierten
Wiederholung
erscheint
er
redundant.
Man
meint,
dass
es
doch
nun
endlich
alle
wissen
müssten.
Und
mittendrin
in
der
verbalen
Stagnation
ertönt
mit
einem
Mal
ein
überdrehter
Sprecher,
der
verkündet:
„Raus
aus
den
Federn,
heute
ist
Murmeltiertag!“ Kaum hat er das ausgerufen, endet abrupt die Übertragung und man atmet auf.
Robert
ist
unterdessen
durch
diese
Kakofonie
aufgeschreckt
und
jetzt
wach.
Er
kämpft
sich
hoch
und
streckt
sich,
richtet
sich
vollends
auf.
Die
sonst
kunstvoll
gekämmte
Tolle
ist
wild
zerzaust.
Er
blickt
sich
um
und
merkt,
die
Sicht
ist
ihm
noch
immer
eingeschränkt
auf
seinem
linken
Auge.
Nun
zaudert
er
einen
Moment,
lässt
einen
Seufzer
hören,
und
man
weiß,
er
hat
verstanden:
Er
ist
noch
dort,
wo
er
die
letzten
Stunden
war.
Doch
wenn
man
ihn
so
sieht,
ist
eines
erstaunlich:
Er
ist
entspannt.
Es
scheint
gerade so, als habe er sich abgefunden.
Der
Tisch
samt
Frühstück
fällt
in
seinen
Blick
und
Robert
verspürt
großen
Hunger.
„Was
soll’s,
eine
Verweigerung
hilft
mir
nicht
und
macht
mich
nur
schwächer“,
ist
sein
Gedanke,
und
er
beschließt,
zu
nehmen,
was
sich
bietet.
Darum
setzt
er
sich
vorsichtig
auf
den
vormals
zerstörten
Stuhl.
Und
weil
die
Prüfung
zeigt,
dass
der
ihn
offensichtlich
trägt,
isst
er
gleich
darauf
mit
gutem
Appetit.
Er
lässt
sich
Zeit,
nutzt
sie
zum
Denken,
und
bei
seinem
letzten
Bissen,
im
Kauen
noch
den
Kopf
gebeugt,
stellt
er
mit
lauter
Stimme
fest:
„Es
ist
also
bis
jetzt
nicht
zu
Ende.“
Dann
richtet
er
sich
auf,
tupft
mit
der
Serviette
einen
verirrten
kleinen
Rest
Eigelb
vom
Kinn.
Er
gibt
sich
kühl
und
sicher,
als
er
fragt:
„Also,
was
willst
du
von
mir?“,
und
schiebt
dann
ungeduldiger
nach:
„Kann
ich
jetzt
endlich
wissen, was hier eigentlich passiert? Was ist das für ein dummes Spiel?“
Die
Antwort
lässt
nicht
auf
sich
warten,
aber
die
Stimme
aus
dem
Off
klingt
sarkastisch
und
überlegen:
„Ich
dachte
schon,
du
würdest
niemals
fragen.“
Draußen
hört
man
gleich
darauf
seltsame
Schritte
nahen
und
Robert
ist
alarmiert.
Es
klingt
für
ihn
nach
lahmem
Pferd
mit
einem
Huf
und
nacktem
Menschenfuß:
„klack,
platsch,
klack,
platsch“.
Robert
ist
sich
sicher,
auch
wenn
das
Geräusch
seltsam
anzuhören
ist:
Sein
Gegner
kommt
gleich
durch
die
Tür.
Er
ist
sich
ebenso
gewiss,
dass
er
durch
jene
Tür
hinter
der
Barriere
kommen
müsse.
Der
Eingang
ist
doch
für
den
Richter.
Und
eine
Respektsperson
mit
dieser
Funktion
entspricht
seinen
Erwartungen
in
diesem
Raum.
Dann
steht
er
auf
und
stellt
sich
an
die
Theke,
die
Hände
demonstrativ
vor
seiner
Brust
gekreuzt.
Und
während er gespannt dort wartet, öffnet sich ganz ohne Laut das Tor in seinem Rücken.
Eine
feuerrote,
hünenhafte
Kreatur
tritt
ein,
eine
athletische
Gestalt
von
fast
drei
Metern
Größe.
Was
dort
erscheint,
ist
ein
fast
nackter
Mann,
bekleidet
nur
mit
einem
Lendenschurz
aus
Leder.
Ein
schwarz
gehörnter
Ziegenkopf
krönt
seine
Schultern,
rechts
steht
er
auf
einem
Ziegenfuß
und
links
auf
einem
Menschenbein.
In
der
rechten
Hand
hält
er
einen
dreigezackten
Speer.
Rauch
steigt
von
dem
Ungeheuer
auf
und
immer
wieder,
züngelt
eine
kleine
Flamme
auf
seiner
Haut.
Gewaltig
steht
es
da
und
betrachtet
mit
seinen
gelben
Ziegenaugen
erst
einmal
stumm
den
Menschen.
„Du
hältst
das
alles
für
ein
Spiel?“,
sagt
es
schließlich.
„Nun
gut,
dann nehmen wir mal an, dass es so ist. Du magst wohl solche Spiele, oder sollte ich mich irren?“
> Sprung zu einem späteren Kapitel <
Selbstüberschätzung
Robert
Dullman
wacht
auf,
ganz
ohne
Wissen,
wo
er
sich
befindet.
Er
friert
am
ganzen
Körper,
spürt
nasse
Kleidung
auf
der
Haut
und
Gewicht
und
Druck
auf
seinem
Kopf,
wie
von
einem
schweren
Helm,
und
unter
sich
fühlt
er
aufgeweichte
Erde.
Als
er
die
Augen
öffnet,
stellt
er
fest,
dass
er
in
einem
Graben
liegt.
Beim
Blick
nach
oben,
sieht
er
über
sich
nur
einen
grauen
Himmel.
Die
Geräusche,
die
von
draußen
dringen,
sind
geradezu
infernalisch.
Es
regnet
leicht
und
andere
Männer
in
verschmutzten
Uniformen
liegen
im
Schlamm
und
Wasser
neben
ihm.
Er
möchte
aufstehen
und
heraus
aus
dieser
Enge,
doch
er
kommt
mit
dem
Versuch
nicht
weit.
Kräftige
Hände
reißen
ihn
gleich
wieder
hinunter
und
eine
derb-männliche
Stimme
schreit
schmerzhaft
in
sein
Ohr:
„Gefreiter
Hitler,
bist
du
völlig
von
Sinnen?
Willst
du
dir
eine
Kugel
fangen?
Du
musst
schon
noch
warten,
bis
der
Franzmann
seine
Munition zu sparen beginnt. Es dauert bestimmt nur noch kurz, dann kannst du zurück zum Stab und Meldung machen.“
Der
Soldat
hat
die
Worte
kaum
zu
Ende
gesprochen,
da
sackt
er
plötzlich
und
still
über
Robert
zusammen.
Der
begreift
noch
immer
nicht,
wo
er
ist
und
was
da
gerade
mit
ihm
geschieht.
Aber
er
spürt
das
Gewicht
des
Fremden
auf
seinem
Körper
und
etwas
Warmes
läuft
jetzt
über
sein
Gesicht.
Das,
was
er
hört
und
empfindet,
macht
ihm
Angst,
und
er
ruft:
„Was
ist
hier
los?
Wo
bin
ich
hier
gelandet?“
Jemand
zerrt
an
dem,
was
auf
ihm
lastet,
und
gleich
darauf
ist
er
wieder
frei,
wischt
das
Warme,
Klebrige
aus
seinen
Augen, und als er dann auf seine Hände blickt, da sieht er rotes Blut.
„Kamerad,
der
Feldwebel
ist
mausetot,
da
kann
man
nichts
mehr
machen.
Leiden
musste
er
jedenfalls
nicht“,
sagt
eine
abgeklärte
Stimme.
„Die
Kugel
hat
ihn
perfekt
getroffen.
Reiß
dich
zusammen,
Kamerad,
du
musst
jetzt
los.
Es
kann
nicht
länger
warten.
Wir
brauchen
dich
sofort
als
Melder,
sonst
sind
wir
es
alle
hier
in
den
nächsten
Stunden
auch.
Sieh
zu,
dass
du
mit
der
Depesche
so
schnell,
wie
deine
Beine
dich
noch
tragen
können,
durch
die
Gräben
zum
Stab
gelangst,
um
Munition
und
Verstärkung
anzufordern.“
Und dann ergänzt er hässlich lachend: „Und eine hübsche Braut wäre mir auch willkommen.“
Robert
Dullman
begreift
kaum
diese
Worte,
reimt
sich
mit
Not
zusammen,
dass
er
durch
Urians
Wirken
in
einem
Krieg
gestrandet
ist.
Offensichtlich
nicht
als
Soldat
Robert
Dullman,
sondern
in
einer
anderen
Person.
„Wie
hat
ihn
der
Soldat
gerade
bezeichnet,
sagte
er
nicht
Hitler?
Um
Gottes
willen,
das
kann
doch
gar
nicht
sein.“,
denkt
er.
Doch
um
sich
Klarheit
zu
verschaffen,
fragt
er
jetzt
nach.
„Kamerad“,
sagt
er
flehend,
„ich
stehe
gerade
unter
Schock
und
mir
fehlt
jede
Orientierung.
Bitte
sag
mir,
wo
wir
hier
sind,
wer
ich
bin und auch, was ich tun und lassen muss!“
Was
er
dann
erfährt,
besagt:
Er
ist
im
Krieg.
Das,
was
um
ihn
herum
geschieht,
ist
ein
Teil
einer
weltweiten
Schlacht,
die
später
als
Erster
Weltkrieg
bezeichnet
wird.
Man
befindet
sich
an
der
Westfront
im
Feldzug
gegen
Frankreich
in
einem
der
vielen
Gräben
der
deutschen Wehrmacht, einem unendlichen Labyrinth in der Nähe von Verdun.
Der
Soldat,
den
er
um
Hilfe
gebeten
hat,
kennt
das
Phänomen
des
Schocks
bei
diesen
Kämpfen
und
ist
darum
nur
wenig
überrascht.
Ohne
lange
zu
zaudern,
erklärt
er
Robert
darum
auch,
dass
er
Adolf
Hitler
heiße
und
Meldegänger
sei
im
Stab
des
Regiments.
Die
Leitungen
der
Feldtelefone
seien
vom
Trommelfeuer
wieder
einmal
beschädigt
und
es
sei
dringend
nötig,
dass
er
Meldung
nach
hinten
mache,
man
benötige
Verstärkung
und
Munition
an
vorderster
Front.
Er
gibt
ihm
eine
Skizze
für
den
Weg,
den
er
als
sichersten
zum
Bataillonsstab
bezeichnet.
Der
Gefreite
Hitler
könne
nicht
länger
auf
einen
sichereren
Augenblick
warten.
Er
müsse
es
sofort
riskieren.
Er
solle
bis
zum
Hauptgraben
die
nächsten
hundert
Meter
robben.
Wenn
er
den
dann
erreiche,
könne
er
auch gebückt weitergehen. Und nach dieser Instruktion fragt er noch, ob Adolf das in seinem Zustand schaffe.
LESEPROBE:
Roman
von
Klaus Walter
Autokraten sterben einsam
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